Warum es gerade jetzt so wichtig ist,
das Herz für den Tod zu öffnen.

Vor 2 Wochen ist mein 84-jähriger Vater verstorben. Obwohl er schon länger Parkinson und Alzheimer hatte, war er Dank guter Versorgung seiner Frau doch noch ganz gut beieinander und insofern war ich nicht vorbereitet auf seinen Tod und hatte mich auch noch nicht damit beschäftigt.

Er schlief in einem Pflegeheim ein, wo er eigentlich nur zu einer Kurzzeitpflege von 4 Wochen war, weil seine Frau nach jahrelanger Pflege mal Kräfte auftanken musste. Leider konnte sie ihn nicht mehr nachhause holen, als es ihm dort schlechter ging. Er hatte zwischenzeitlich dort die Impfung bekommen und dann hatte er einen positiven Test und als der wieder negativ war, war der Sterbeprozess schon im Gange.
So konnten auch wir Kinder ihn nicht mehr sehen und uns nicht verabschieden. Doch seine Frau war bei ihm und hat gesungen, seine Hand gehalten und ihn bis zum letzten Atemzug begleitet.

 

Erinnerungen

Nach seinem Tod waren wir dann aber alle zusammen in meinem Elternhaus, 3 Generationen, und haben uns dort mit unserer Stiefmutter 3 Tage zurückgezogen. Draußen regnete es ununterbrochen und wir saßen drin am Feuer und erzählten von ihm.
Von seiner Kindheit und von meiner Kindheit mit ihm. Von der Partnerschaft mit ihm. Wie seine Enkel ihn als Opa erlebt hatten. Von seinen Eigenarten, von seinen Besonderheiten. Er war oft kein einfacher Mensch für uns. Vieles wussten wir noch gar nicht vom anderen, was wir uns erzählten. Wir betrachteten sein Leben nochmal viel bewusster, fühlender. Schauten die vielen Fotoalben an, die Jahre zogen an uns vorbei.
Es ist seltsam, wie beim Tod eines nahestehenden Menschen auf einmal alles Äussere zurücktritt, nicht mehr wichtig ist.

Niemand, keine Nachbarn, Freunde oder weitere Verwandte übertraten in dieser Zeit die Schwelle des Trauerhauses, um zu kondolieren. Nur die Bestatterin und der Pfarrer kamen. Es grassiert ja überall das Corona-Angst-Virus. Zum Glück ist unsere Familie davon nicht befallen.

 

Herzberührungen

Ich dachte nicht, dass mich der Tod meines Vaters so berühren würde, weil ich schmerzliche Kindheitserfahrungen mit ihm hatte und sie als abgeschlossen gewägt habe. Diese Erlebnisse haben dazu geführt, dass ich keine großen Emotionen mehr ihm gegenüber gefühlt habe und das war o.k. so für mich. Und doch weinte ich jetzt bitterliche Tränen darüber, dass er nun endgültig gegangen war.
Trauer über vieles, was nicht zwischen uns gelebt werden konnte, Mitgefühl für ihn und die Geschichte seiner Kindheit, aus der er sich nie befreien konnte und auf Grund dessen er nie ein wirklich erfülltes Leben leben konnte.
Dinge, die zwischen uns nie gesagt wurden, nie ausgesprochen wurden. Wir sind uns nie wirklich richtig nah gekommen in der Realität.
Doch der Tod berührt so vieles in uns, kann uns über das, was in der Realität war, hinausblicken lassen und erkennen lassen, dass hinter allem schmerzlichen, was hier im Leben war, trotzdem die Liebe steht.

 

Sein Erbe an mich

Ich habe die Musik mit seinen Lieblingsliedern für seine Beerdigung ausgesucht. Wir sind ja eine Familie von Musikern und auch das haben er und meine Mutter an mich weitergegeben. Dafür bin ich sehr dankbar und das Heraussuchen der Musik hat soviele Tränen fließen lassen und Erinnerungen geweckt an Erlebnisse, Konzerte und gemeinsame Hausmusik. Er hat bis zuletzt, als seine Finger noch mitgemacht haben, jeden Tag am Klavier gesessen und seine Choräle gespielt.

Seine Beerdigung fand auf dem Friedhof des Dorfes statt, das meinem Vater nach unserer Flucht aus der DDR, nach Zwischenstationen im Auffanglager und Einquartierung auf einem Bauernhof zur neuen Heimat wurde. Es war eine sehr bewegende Feier. Der Pfarrer erzählte seine Lebensgeschichte sehr teilnahmsvoll und empathisch und so zog sie auch vor uns allen nocheinmal vorbei und wurde nochmal lebendig.

 

Hingabe, Segen und Leben

Während der Feier wurde mir so bewusst, wie wichtig eine gute Trauerzeremonie ist. Ich gab mich wirklich meinen Erinnerungen und damit meiner Trauer hin, besonders die Musik ließ meine Tränen und die Nase laufen (das Ding mit der Maske wurde hinfällig) und oft schüttelte mich ein Schluchzen. Und genauso erging es meinen Schwestern und seiner Frau, die mit mir auf den Stühlen saßen. Wir hielten uns in unserer Trauer an der Schulter und an den Händen.
Ich spürte fast körperlich, wieviel in dieser Stunde von den eingefrorenen Schmerzen in mir auftaute, heilte, abfloss, verziehen wurde, in den Frieden kam. In den letzten 12 Jahren habe ich da schon sehr viel verstehen und verändern dürfen, doch jetzt, in der Stunde des endgültigen Abschieds, war nochmal so viel Trauer da, aber auch Einverstandensein mit meinem Schicksal, Annahme unserer gemeinsamen, nun zum Ende gekommenen Lebensgeschichte und ich spürte soviel Segen und Liebe um mich herum. Ein bisschen unbeschreiblich.

Hand in Hand gingen wir, seine Frau, Kinder, Enkelkinder, Nichten und die Partner anschießend ans Grab und warfen Blumen und Rosenblätter hinein und das ganze Dorf nahm in einer würdigen und wertschätzenden Weise Abschied von ihm.
Und da wir alle aus Norden, Westen, Osten und Süden des Landes angereist waren, uns teilweise lange nicht gesehen hatten, gingen wir anschließend alle noch zum Haus meines Vaters zum gemeinsamen Beisammensein und zum „Leichenschmaus“.
Wir hatten ein wunderschönes, alle Generationen-Miteinander, mit Umarmungen, Austausch, Erzählungen, Lachen und leckerem Kuchen und Kaffee.

 

Trauer ist Liebe

Mit ist es ein Bedürfnis, über das Sterben und Abschiednehmen von meinem Vater zu berichten, weil ich glaube, dass die uns angeborene Menschlichkeit mit Trauer, Verbindung, sich Umarmen und Halten, Weinen und Lachen, Vertrauen in das Leben und den Tod auch und gerade in dieser Zeit gelebt werden kann, darf und muss. Sonst sind wir keine Menschen mehr sondern Maschinen, die man einfach auf ein bestimmtes Angst-Vorsicht-Programm einstellt und die dann auch so funktionieren.
Wir haben im Tod und Abschied unseres Vaters unseren menschlichen Regungen nachgegeben, wir konnten nicht anders und ich glaube, er wäre stolz auf uns gewesen.

Wir alle sollten uns mehr Trauer erlauben – auch darüber, was gerade mit uns allen geschieht. Soviele sterben jetzt nach einem Jahr der Trennung, des Abstands und der Isolation gerade innerlich und erleiden seelische Verluste. Und noch immer befinden sich viele in einer Schockstarre, so wie ich viele Jahre nach den Erlebnissen mit meinem Vater. Sie beißen die Zähne zusammen und ertragen reglos Unmenschliches, verdrängen die seelischen Schmerzen und Verletzungen des Herzens in irgendeinen Winkel ihres Körpers in der Hoffnung, es würde sie bald jemand von all dem erlösen.

Trauer will gefühlt werden, sie ist eine natürliche Regung der Seele und stellt unser inneres Gleichgewicht wieder her. Trauer ist eine Form der Liebe und nur wer sich vertrauensvoll in die liebenden Arme der Trauer fallen lässt, erlebt das Wunder, dass die Trauer sich zu Freude verwandelt, die alle Schwere verloren hat. Alles Andere ist Erstarrung und Erstarrung ist kein Leben, sondern führt zum inneren und auch äußeren Tod.

2 Kommentare zu: “Warum es gerade jetzt so wichtig ist,
das Herz für den Tod zu öffnen.”

  1. Gisela

    Liebe Eva, danke für diese Betrachtung. Sie ruft mir das Heimgehen meines Vaters vor einigen Jahren in Erinnerung. Ich erlebte es ziemlich so, wie du schreibst. Auch ich hab zur Beerdigung die Lieder „Vati-Lieder“ ausgesucht. Beim Singen unterm Sarg, in den Orgelklängen, flossen Tränen und Töne mit komprimierten Erinnerungen…..Wie reinigend und heilend und tröstlich war es, gleichzeitig zu singen, zu weinen und dem Lebensfilm zu lauschen….

    • Eva Adelberger

      Danke für deine schöne Schilderung der Beerdigung deines Vaters, liebe Gisela. Das fühlt sich gut an.

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