Die Kämpferin kommt zur Ruhe

Das letzte mal, dass mich ein Weltgeschehen so sehr bewegt hat wie jetzt, war die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl vor 35 Jahren. Damals waren wir noch jung, hatten noch keine Kinder und dachten auch da schon ans Auswandern. Wir unternahmen ein Jahr lang alles mögliche, um unsere Gesundheit zu schützen und ich hatte zu der Zeit wirklich Angst um unser Leben.

Jetzt, 35 Jahre später, bin ich reifer, erfahrener und habe viele, viele tiefe, innere Prozesse durchlebt, die mich heute zu der Frau machen, die ich bin. Ich lebe und erfahre mich heute viel bewusster, bin wertschätzender und mitfühlender mit mir selbst, spüre viel eher, wenn sich etwas in mir nicht gut anfühlt, wenn ich z.B. in einem Modus des mich nicht selbst Achtens oder Übergehens bin, nehme viel mehr das feine Sensorium meines Körpers wahr, wenn ich ihn überfordere, spüre immer wieder die kleine Eva und ihre kindlichen Verletzungen und gehe sehr viel liebevoller und annehmend mit ihr und somit auch mit mir um als noch vor 15 Jahren. Ab und zu erkenne ich in manchen Situationen immer noch alte Selbstverurteilungen in mir, die ich dann schnell als solche wahrnehme und damit liebevoll mitfühlend umgehen kann.

Ich treffe mittlerweile viel mehr Herz-Entscheidungen für mich als gegen mich. Und ich habe seither so oft erfahren, dass ich nicht mehr kämpfen brauche, so wie ich das in meiner Kindheit tun musste um zu überleben, sondern dass ich darauf vertrauen kann, dass die Dinge sich immer zum Guten für mich entwickeln und mich weiter zu mir selbst führen – auch wenn ich das oft nicht gleich so sehen konnte.

 

Inneres und Äußeres Erdbeben

Am Beginn des letzten Jahres wurde mein bisheriges Weltbild vollkommen erschüttert. Kein Stein blieb mehr auf dem Anderen. Vieles, was ich bisher geglaubt hatte, krachte in sich zusammen. Aber diesmal hatte ich keine Angst um meine Gesundheit wie damals bei Tschernobyl, sondern vor Zwang, Ausgeliefert sein und Ohnmacht.
Und ich entdeckte, dass es auch noch die leidenschaftliche Kämpferin in mir gibt, die mutig und mit wehenden Fahnen in den Kampf zog. Gegen Unrecht, gegen Willkür, aber auch um ihre eigene Fassungslosigkeit und den damit verbundenen Schrecken über das, was hier geschah, zu bekämpfen.

Die Veränderungen in unserer Gesellschaft beschäftigten mich sehr, wie uns wohl alle, ich empfand vieles als Unrecht und konnte nicht fassen, wie so etwas auf einmal in unserem Land geschehen konnte. Fast kein Tag verging, an dem ich nichts darüber gelesen, geredet oder selbst etwas dazu gepostet habe. Es war wie eine Sucht, ja nichts zu verpassen, keine neuen Erkenntnisse und Ungeheuerlichkeiten zu versäumen und mich immer rechtzeitig darauf einzustellen. Und die Ereignisse waren ja auch sozusagen wirklich überrollend. Wie eine nie endende Krimiserie, bei der man nicht aufhören kann, weiterzuschauen und bei der die Spannung und das Gruseln ständig aufrechterhalten wird. Wer sind die Täter, was führen sie im Schilde, wer wird noch sterben, wie wird das Ganze enden?

 

Unsere kindlichen Ängste fühlen

Nach 1,5 Jahren steter Wachsamkeit und Engagements für meine Wahrheit fühle ich, dass es an der Zeit ist, die leidenschaftliche Kämpferin in mir zur Ruhe kommen zu lassen und ihr meine allergrößte Wertschätzung zu schenken für die vielen Erkenntnisse, die sie mich hat erfahren lassen. Vieles, wogegen sie in den Kampf zog, hat so manche meiner Ängste, die ich durch die Erfahrungen in meiner Kindheit entwickelt habe, noch einmal aktiviert wie:
– Immer wachsam sein zu müssen.
– Immer kämpfen zu müssen.
– Immer für das Schlimmste gewappnet zu sein.
– Mich ohnmächtig, machtlos und ausgeliefert zu fühlen.
– Mich alleine und schutzlos zu fühlen.
– Nicht verstanden zu werden.
– Anders zu sein und damit keine Gemeinschaft zu haben oder aus ihr ausgestoßen zu werden – die größte Angst von uns allen.

All diese Dinge habe ich, wie die meisten mehr oder weniger, in meiner Kindheit erfahren und diese Ängste sind jetzt alle nochmal angeleuchtet worden. So wie bei vielen von uns. Und genau wie in ihrer Kindheit, als sie mit Erziehung und Bestrafung in Angst und Schrecken versetzt wurden, um ein gehorsames Verhalten erreichen, haben sich auch jetzt viele Menschen gefühlt und ich glaube nach wie vor, dass dies politisch auch so gewollt war, um bestimmte Ziele zu erreichen.

 

Die Erwachsenen-Position einnehmen

Damals als Kinder waren wir unseren Eltern wirklich hilflos ausgeliefert und wir konnten das, was mit uns geschah, noch gar nicht richtig durchschauen, ja tragischer noch, wir dachten, das müsse alles so sein und die Großen, Mächtigeren (Eltern und andere Erwachsene) hätten recht. Die meisten Menschen haben diese kindliche Vorstellung und Überzeugung nie richtig auf ihre Wahrheit überprüft und tragen dieses kindliche Empfinden heute noch mit sich herum, obwohl wir jetzt selbst Erwachsen sind und sehr wohl – auch innerhalb oder außerhalb von Vorschriften und Gesetzen – Entscheidungsfreiheit haben, wennwir sie uns selbst schenken.

Ich entscheide mich jetzt, aus diesem Spiel auszusteigen. Meine Erwachsenen-Macht-Position wieder voll einzunehmen, indem ich meine Aufmerksamkeit und meine inneren Sensorien nicht mehr auf mich schädigende Einflüsse und täglich neue Panikmeldungen richte, auch nicht mehr dagegen ankämpfe, sondern einen anderen Teil in mir wiederbelebe. Den Teil, der in liebevoller Eigenverantwortung gut für sich selbst sorgen kann. Und dieser Teil weiß, dass es immer einen Weg gibt, den ich gehen kann, dass ich geführt werde und dass es in meiner Verantwortung liegt, wie ich mich fühlen will.

Mit Aussteigen meine ich jedoch nicht Abgrenzung oder Ignorieren. Abgrenzung bedeutet immer Trennung. Und sich nicht mehr berühren lassen. Aber berührbar zu sein und zu bleiben für all die Gefühle, die das derzeitige Geschehen in uns auslöst, ist für mich das Allerwichtigste jetzt und überhaupt im Leben. Wir gehen ja gerade durch eine Phase, in der sich viele Menschen seelisch abhärten, weil Dinge von uns verlangt werden oder wurden, die eigentlich unmenschlich sind und das bedeutet zwangsläufig, sich immer mehr zu verschließen.

Berührbar zu sein bedeutet, empfänglich zu sein für alle Gefühle, die Dinge im Außen in uns auslösen und liebevoll wahrnehmend, mitfühlend, zart und sanft mit uns umzugehen. Also genau das Gegenteil von Abhärtung, Gewöhnung und Dicht machen. Nur durch Berührbarkeit kann es echte Verbindung zu uns selbst und zu anderen geben.

 

Das tun, was dein Herz mit Freude erfüllt

Gestern abend schlenderten wir mit Bekannten Eis-essend durch die Hauptstraße unseres Städtchens und plötzlich öffnete sich neben uns die Tür des alten Rathauses und heraus strömten freudig gestimmte, lachende, belebte, muntere Menschen, die sich angeregt unterhielten. Ein ungewohnter Anblick nach Monaten des mit Maske gedrückt durch die tote Innenstadt schleichenden Gestalten. Es waren die Sängerinnen und Sänger eines Chores, die gerade von einer ihrer nun wieder stattfindenden Chor-Proben kamen.

Dieses Erlebnis hat mich an meine eigene Chorleiterinnen – und Sängerzeit erinnert und mir sehr deutlich gemacht, wie wenig ich das, was mein Herz wirklich zum Singen bringt, zum Klingen gebracht habe in der letzten Zeit. Wieviel Raum ich der inneren Auseinandersetzung mit dem aktuellen Geschehen geschenkt habe. Und das durfte und musste auch so sein, es war wichtig für meinen Weg und die wahrheitssuchende Kämpferin verdient meinen allergrößten Respekt und Hochachtung.
Sie hat ihre Wahrheit gefunden und wird jederzeit für sie einstehen.

Doch jetzt ist wieder das dran, was mein Herz wirklich erfüllt. Ich möchte Meditationen aufnehmen, evtl. einen Podcast starten, meiner Stimme mehr Raum geben, neue Seminare kreieren, sorglos durchs Leben tanzen, mich in mich selbst versenken und den inneren Frieden in mir selbst geniessen. Liebevollen, angstfreien Kontakt und Berührung mit Menschen habe ich mir sowieso nie nehmen lassen und auch all das andere kann nur ich selbst für mich tun und nichts und niemand kann und wird mich daran hindern, sofern ich es mir selbst erlaube.

 

Aho und Namaste

 

 

Ein Kommentar zu: “Die Kämpferin kommt zur Ruhe”

  1. Iris Traub

    Hallo, liebe Eva,
    Wie mich dein Text doch angesprochen hat. So vieles ist ähnlich in meinem Lebensweg, Empfindungen und Verhalten.
    Lieben Dank dafür.

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