Der ungewöhnlichste Silvesterabend meines Lebens

Dieses Jahr hatte ich an Silvester, genau in der Mitte der Rauhnächte, ein wahrlich magisches Erlebnis, dass mich zutiefst berührt hat und das immer noch in mir nachschwingt.

Eigentlich war ein gemütliches Beisammensein geplant, mit leckerem Essen und guten Gesprächen. Das Leben wollte es anders und so kam es, dass ich mich am Silvesterabend um 21.30 Uhr alleine in meinem Schlafzimmer wiederfand. Nicht wie sonst mit Laptop oder Buch, sondern im Halbdunkel mit offenen Augen in meinem Bett.
Ich lag einfach da und gab mich meinen Gedanken und Gefühlen hin, die durch den unerwarteten Verlauf des Abends in Aufruhr waren. Jetzt, im nachhinein, während ich das schreibe, weiß ich, warum das an dem Abend so gekommen ist, denn in den nächsten 2 Stunden lief mein ganzes bisheriges Leben vor mir ab.

 

Geborgenheit

Ich fühle mich in meinem wunderschönen Schlafzimmer immer sehr geborgen – ein Gefühl, dass ich früher nicht kannte. Bevor ich mit 6 Jahren in die Schule kam, hatte ich schon 8 mal den Wohnort gewechselt. Von meinem Geburtsort über verschiedene Stationen wie Flüchtlingslager, Einquartierung bei einer Bäuerin, Unterkunft bei Verwandten, den ersten kleinen Wohnungen –  bis wir in unser eigenes Haus einzogen.

Jetzt hier im Dunkel meines Zimmers konnte ich spüren, wie sehr die kleine Eva das Gefühl von Geborgenheit vermisst hatte, die ich auch nicht bei meinen damals noch sehr jungen Eltern gefunden habe. Sie ließen mich und meine jüngere Schwester abends oft alleine, im Glauben, dass wir schliefen. Doch ich wachte manches mal auf und fühlte in dieser Silvesternacht noch einmal den großen Kinderschrecken in meinen Knochen, als ich im Dunklen bei ihnen Geborgenheit suchte und ihr Bett unberührt fand. In meiner Panik des Alleinseins schlug ich einmal mit 5 Jahren sogar mit einem Kleiderbügel den Glaseinsatz unserer Wohnungstüre ein, um meine Eltern zu suchen. Auch dieses Erlebnis lief nochmal ganz klar in meiner Vorstellung ab.

Beim Spüren dieser Gefühle, die noch ganz deutlich in mir waren, legte sich ein schwerer Druck auf mein Herz. Und er blieb fast während der ganzen Reise durch die Vergangenheit da. Mir wurde wieder so sehr bewusst, wie diese frühen Erlebnisse des kleinen Mädchens mein Leben mit  geprägt und beeinflusst haben.

 

Schatten

Es war wirklich eine magische Silvester-Nacht. Die Schatten in meinem Zimmer an den Wänden und Decken bekamen eine Bedeutung für mich und ich war wieder das Kind, das so oft und gerne Bilder, Wolken, Schatten oder andere Gebilde angeschaut hat, die zu ihm gesprochen haben. So wie jetzt die Schattengebilde in meinem Zimmer zu mir sprachen.

Die Erinnerung an meine Mutter tauchte auf, die ich nur 16 Jahre hier in diesem Leben bei mir hatte, weil sie sehr jung gestorben ist. Und plötzlich war sie hier und ich spürte, wieviel Trauer und Verlassenheit da noch immer in mir ist, wie sehr ich sie vermisst habe und die Tränen flossen im Zwiegespräch zwischen Mutter und Tochter, deren Verhältnis damals von so viel Missverständnissen und Ängsten geprägt war. Jetzt hier in meinem Bett liegend war sie mir ganz nah und ich konnte sie erkennen, wie ich sie damals als Kind nicht sehen konnte.

 

Kinder

Die ganze Zeit hielt ich im Dunklen meinen großen Kuschel-Delfin, der immer auf meinem Bett liegt und der eine tiefe Bedeutung für mich hat, fest an mich gedrückt. Die Tränen flossen auf seinen Kopf und er war mir ein treuer Begleiter in dieser Nacht.
Einige der Schatten an der Decke sahen jetzt aus wie Kinder und meine Gedanken wurden zur Geburt meines Sohnes geführt und zu seinen 4 Geschwistern, die alle vor ihm zu mir kamen und alle nicht hier bleiben konnten. Ich sah alle 4 nochmal vor mir, besonders das 4. Kind, ein Sohn, der 15 Minuten nach seiner Geburt wieder ging. Den Schock und den Schmerz darüber konnte ich immer noch in meinem Körper spüren.

Und dann das 5. Kind, mein Sohn, der heute erwachsen ist und der ein schwieriges Erbe trägt. Mein Herz wurde noch schwerer, weil ich hier im Dunkel meines Zimmers erkannte und spürte, dass irgendwo in mir noch Schuldgefühle leben, keine bessere Mutter gewesen zu sein und wie ich bis heute oft versuche, das durch Überfürsorge wieder gut zu machen. Alles, alle Zusammenhänge wurden so glasklar, als ob mein Bewusstsein einen Sprung gemacht hätte.

 

Trauer

In dieser Nacht wurde ich wirklich geführt, dass spürte ich ganz deutlich, und ich ließ mich führen, tat nichts, griff nicht ein, ließ den eigenen Willen los und schaute einfach nur in die Dunkelheit. Und dann war mit einem mal meine Schwester bei mir. Ganz nah. Meine kleine Schwester, meine Seelenschwester, die, die ich von meinen 4 Geschwistern am meisten liebte, mit der ich auf eine besondere Weise verbunden war und mit der ich viel erlebt habe. Sie ist vor 9 Jahren an ALS, einer unheilbaren Erkrankung verstorben. Es hat nie vorher oder nachher einen Menschen gegeben, der mich so bedingungslos angenommen hat, wie ich bin. Sie war und ist ein ganz großes Geschenk für mich.
Und in der magischen Silvesternacht sah ich sie und weinte bitterlich. Eine ganz tiefe Trauer war da und unter Schluchzen und Tränen fragte ich sie, warum sie mich hier allein gelassen hat. Ich erhielt keine Antwort und sie war auch nicht wichtig, denn nach einer Weile versiegten die Tränen von ganz alleine und ich fühlte mich wundersam getröstet und still.

 

Tanzen

Viele bedeutsame Stationen meines Lebens zogen noch an mir vorbei und meine Augen wanderten immer wieder zu dem großen Schattenbild an der Decke meines Zimmers. Mittlerweile knallten draußen schon vereinzelt die ersten Böller und ich hatte den Gedanken, wie merkwürdig es doch war, hier ganz alleine in mich gekehrt zu liegen, während alle anderen ausgelassen feiern und dass ich so ein Silvester noch nie erlebt hatte.

Das Bild an der Decke bewegte sich jetzt, weil die Zweige vor meinem Fenster im Wind schwangen und ich sah eine Frau, eine Frau, die sich tanzend bewegte. Und ich wusste – dass bin ich, wie ich mein Leben tanze. Fasziniert schaute ich ihr zu. Manchmal war sie ganz gebückt, lag fast auf dem Boden, dann streckte sie die Arme aus in alle Richtungen, drehte sich um sich selbst, wiegte sich, erhob die Arme und den Kopf, ließ sie wieder sinken und schaute mich an. Und ich erkannte ihn, meinen Lebenstanz. Sie lächelte mir zu und ich verstand ihre Botschaft: „Du hast wunderbar getanzt. Mit deinem ganzen Herzen. Du hast keine Fehler gemacht, es war alles richtig so. Du hast das Beste von dir gegeben – immer, jederzeit, überall.“

Der Druck, der den ganzen Abend auf meinem Herzen lag, verschwand genau im Augenblick dieser Botschaft, die ich schon kannte, aber die diesmal noch tiefer in mir ankam und sich weich und warm in meinem Herzen ausbreitete. Es fühlte sich leicht und richtig an – ich war angekommen. Bei mir, in mir.

 

Wachsende Ringe

Als ich um Mitternacht dann mit meinem Mann auf das neue Jahr anstieß, fühlte ich, dass ich an diesem Abend ein ganz besonderes Geschenk erhalten hatte. Mit einem  fantastischen Blick auf das bunte Feuerwerk, die sich drehenden Kreise und Sterne und Sonnen am Himmel betrachtend, musste ich an das Gedicht von Rilke denken:

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den Letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.“

Genauso fühle ich mich, inmitten all der wachsenden Lebensringe.
Denn es geht für mich im Leben nicht darum, perfekt zu werden oder irgendwelche Dinge aufzulösen. Es geht nicht darum, nie mehr Angst zu haben, nie mehr wütend zu sein, sich nie mehr allein zu fühlen oder nichts negatives mehr in seinem Leben zu erleben. Es geht nicht darum, immer glücklich zu sein, Erfolg zu haben und schon gar nicht darum, die beste Version deiner selbst zu werden. Und es geht auch nicht darum, die Vergangenheit hinter dir zu lassen. Sie ist lebenslang in dir abgespeichert. Aber es geht darum, wie du sie betrachten kannst und ob du sie so annehmen kannst, wie sie war.

 

Annehmen

Du bist hier, um dein Leben himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt zu leben. Es geht darum, dein Herz offen zu halten für alle Gefühle, die sich zeigen und sie anzunehmen und sich von ihnen führen zu lassen. Es geht nie, niemals, um besser oder schlechter, genauso wenig wie um Gut oder Böse, sondern immer nur um Wahrhaftigkeit mit dir selbst. Du brauchst nichts verändern, es muss kein Ergebnis geben, es braucht keine Antworten. Wenn du offen sein kannst, alles was war, ist oder kommt anzunehmen, kommen die Antworten von selbst.

Ich würde alles in meinem Leben Geschehene genauso wieder machen. Es gibt kein „Das hätte anders sein sollen“, es gibt kein Bedauern, keinen Groll oder Schuldzuweisungen. Allen meinen Lieben, denen ich dieser besonderen Nacht begegnet bin und die mich begleitet haben, bin ich zutiefst dankbar für diese Erkenntnis.
Und ich bin gespannt und erwartungsvoll, welche Choreografie das Leben 2020 für mich schreibt. Ich werde sie auf jeden Fall tanzen, mit meiner ganzen Hingabe, mit meinem ganzen Herzen, mit allem, was ich habe – egal was sie für mich bereithält.

 

Danke, dass ich das wundersame Erlebnis dieser Nacht mit dir teilen durfte.
Ich wünsche dir für 2020, dass du dich dem Leben hingeben kannst und dich für alle Erfahrungen öffnen kannst, die dir zu deinem Wachstum dienen.

 

Von Herzen – Eva

 

2 Kommentare zu: “Der ungewöhnlichste Silvesterabend meines Lebens”

  1. Birgit

    Hallo liebe Eva,

    Ein wundervoller Eintrag, der mich sehr gerührt hat. Das Leben ist oft hektisch und voller Reize und oft nehme ich mir nicht die Zeit z Innehalten, warten was da für Gedanken kommen. Erst in der Ruhe & Stille mit sich selbst können wir wachsen und Reifen. Und genau diese Momente wünsche ich mir für dich, mich und jeden da draussen.

    Viele Grüsse
    Birgit

  2. Nicole Brunner

    Mir geht es nicht nur an Silvester so….hatte schon mehrere ähnliche Erfahrungen aus dem nichts

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