Warum Nichtstun ein wichtiger Teil deines Lebens ist

Vor einiger Zeit bin ich von Vis zurückgekehrt, wo ich dieses Jahr mit ein paar Unterbrechungen fast 20 Wochen verbracht habe. Meine kleine Zauber-Insel, auf der alles so ganz anders ist.
Auf der ich auf einem wunderschönen Stück Land lebe, mein „Garden of Talež“, nur umgeben von Natur und weit unten das Meer.
Auf der ich tagelang keiner Menschenseele begegne, wenn ich nicht will. Auf der die Autos nur 40 km/h fahren und von „Verkehr“ keine Rede ist.
Auf der ich nicht alles gleich „um die Ecke“ einkaufen kann, sondern wo es vieles überhaupt nicht gibt oder erst nach Tagen oder Wochen mit dem Schiff eintrifft. Und dann auf dem Paket die Adresse steht „Eva –  Vis“.
Wo man zwar ab und zu mal Pläne oder Verabredungen macht, sie aber nicht zwingend einhalten muss, wenn man es sich anders überlegt. Und wo jeder das ganz normal findet.
Wo der Satz „Ich habe keine Zeit“ nicht zum gebräuchlichen Wortschatz gehört und in den Gedanken der Menschen nicht vorkommt. Man hat immer Zeit für das, was man gerade tut und andere Dinge tut man, wenn die Zeit dafür gekommen ist. „Zeitdruck“ ist auf Vis völlig unbekannt und ich habe ihn noch nie und bei niemandem wahrgenommen.
Vis ist der Ort, wo ich die entspanntesten, freundlichsten und hilfsbereitesten Menschen getroffen habe, von denen ich viel gelernt habe und die zu meinen Freunden geworden sind.

 

Kein Paradies, aber einfach anders.

Meine kleine Insel, die weit entfernt vom Festland in der türkisblauen Adria liegt und auf der ich jedesmal wie in einer anderen Welt lebe. Ein kleiner Kosmos für sich, auf dem ich alles andere, was in der Welt so vorgeht, kaum noch wahrnehme und wo es auch keine unmittelbare Rolle für mich spielt.
Natürlich ist Vis kein abgeschlossenes Paradies außerhalb dieser Welt, auch wenn es sich für mich oft so anfühlt. Sie ist von allen globalen Veränderungen in einem bestimmten Ausmaß ebenso betroffen. Auch hier ist der Tourismus in den letzten Jahren immer mehr angekommen und in den Sommermonaten strömen die Gäste auf die Insel. Auch hier wird damit Geld verdient und wer kann, versucht, ein Stück vom „Segen“ abzubekommen. Aber es hat den Charakter der Menschen hier nicht wesentlich verändert und am Ende der Saison ist jeder froh, wenn der ganze Rummel vorbei ist und wieder Ruhe einkehrt.

 

Leben statt Arbeiten.

Meist wenn ich in Deutschland jemandem erzähle, dass ich bald wieder nach Vis fahre, kommt der Satz: „Du hast es gut, du machst schon wieder Urlaub“. Ich versuche mich dann immer zu rechtfertigen, in dem ich erkläre, dass ich ja keinen Urlaub mache, sondern dort arbeite. Wir bearbeiten hier unser Land, wir bauen, ich gebe viele Coachings per Telefon, Facetime usw., wir organisieren 2 mal im Jahr unsere wunderbaren Seminare „Die Reise zu dir“ mit viel Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit und ich sitze auch auf Vis am Laptop, poste, schreibe und bin im Netz aktiv. Aber all das fühlt sich hier einfach nicht wie Arbeit an. Sondern eher wie Leben, wie das, was jetzt einfach dran ist, was ich jetzt tun will und was mir Freude macht. Alles geschieht in einem ruhigen, guten Rhythmus und ich spüre sehr gut, wann es zuviel wird. Dann halte ich inne, schaue aufs Meer, mache einen Spaziergang durch die Natur und verbinde mich mit ihr. Dann fühle ich mich wieder geerdet und bei mir.

 

Wir gewöhnen uns an alles, aber zu welchem Preis?

Jetzt bin ich wieder in Deutschland und wie meist in der ersten Woche nach meiner Rückkehr fühle ich mich dann etwas neben mir stehend. Die vielen Eindrücke, die dichte, schnelle Energie, der Verkehr – alles überwältigt, erschreckt  und überfordert mich fast. Ich komme mir vor wie ein kleines Wesen, dass von einem ruhigen, geerdeten Ort auf einem hektischen, brausenden, brodelnden Planeten gelandet ist. Und ich spüre jedesmal, dass mir das eigentlich nicht gut tut. Dass es eigentlich keinem Menschen gut tut. Wir haben uns zwar irgendwie an Schnelligkeit, Hektik und Zeitmangel gewöhnt und uns dabei verändert, aber die Dinge, die uns wirklich gut tun und die lebenswichtig für unsere Seele und unseren Körper sind bleiben dabei oft auf der Strecke. Für mich braucht es nach meiner Ankunft in Deutschland immer einige Tage, bis ich mit dieser Energie wieder so umgehen kann, wie es mir zuträglich ist.

 

In der Ruhe liegt die Kraft

Im November findet zum 4. Mal mein Seminar „Ruhe im Karton“ statt, bei dem wir praktizieren und üben, wie wir uns in all der Betriebsamkeit um uns herum wieder besser spüren und fühlen können. Wie wir „Ruhe im Karton“ herstellen können, denn ohne achtsam und ruhig zu werden, können wir die feinen Schwingungen unseres Körpers, unseres Herzens und unserer Seele, die der beste Navigator in unserem Leben sind, nicht wahrnehmen und wir geraten in Verwirrung.
Vielen Menschen fällt es zunehmen schwerer, einfach mal still zu werden und nichts zu tun. Um uns herum schreit und zerrt die Welt an uns „Sieh mich, mach dies, mach das, kauf das, beeil dich, das Angebot ist nur noch kurze Zeit verfügbar, wenn du dies und jenes nicht erledigst, dann passiert was unangenehmes,“ usw. Und sehr leicht geraten wir in diesen Strudel, der uns dann mitzieht und uns wie fremdgesteuert immer schneller durchs Leben treibt.

 

Nichtstun ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens

Wir alle brauchen Zeiten des Nichtstuns, des Müßiggangs. Nur in diesen Zeiten können wir wahrnehmen, wie es uns überhaupt im tiefsten Inneren geht, nur in diesen Zeiten beginnt sich unsere Kreativität zu regen, kommen wir auf gute Ideen. Aber in diesen Zeiten können wir auch spüren, dass wir vor uns selbst und unseren Themen im Leben davonlaufen. Still werden und zur Ruhe kommen tut der Seele gut, aber es zeigt sich auch das, was wir sonst gerne beiseite schieben. Alte Verletzungen, Groll, Minderwertigkeit, Hilflosigkeit, Ängste, Wut und Traurigkeit. Und das ist gut so. Denn all diese Dinge gehören zu dir und wollen ebenso wahrgenommen und gefühlt werden, damit sie sich lösen können und ihren Schrecken verlieren. Deshalb passiert durch still werden, dich selbst spüren, Meditation und Achtsamkeit auch immer innere Entwicklung und Veränderung. Und diese innere Veränderung hin zu mehr Vertrauen und Selbstannahme bringt letztlich mehr Ruhe, Frieden und Harmonie in dein Leben.

 

Wenn du dich veränderst, veränderst du die Welt

Dauerhafte Veränderungen und innere Entwicklungen, wie sie sich viele Menschen in ihrem Leben wünschen, geschehen nicht schnell mal so nebenbei beim Hören eines Podcasts auf dem Weg zur Arbeit oder Lesen einer positiven Affirmation.  Und schon gar nicht, wenn wir ansonsten fast pausenlos mit Handy, Arbeit, Organisieren, Freizeitstreß und Pflichterfüllung beschäftigt sind und an jeder Ecke neue Ablenkungen warten.
Veränderungen brauchen Zeit nur für dich. Nicht nur 5 Minuten – obwohl auch das besser ist als nichts – aber auch mal ein paar Stunden, einen ganzen Tag oder ein ganzes Wochenende. Immer wieder. Sonst verkümmert deine Seele, dein Körper und dein Herz.
Nimm dich wieder wahr, lerne dich wieder kennen, bringe dir Selbstmitgefühl entgegen, spüre, dass du alles in dir trägst, um ein gutes Leben zu leben, dass du Entscheidungsfreiheit hast, dass es viele Möglichkeiten gibt, Dinge zu verändern und neu zu denken und zu fühlen.

Die Welt braucht mehr Menschen, die sich nicht vom bequemen Manipulations-Strom mitreißen lassen, sondern die selbst- bewusst, achtsam und wach für sich sind und ehrlich und mutig Neues wagen. Solche Menschen verändern die Welt und haben die Kraft, andere damit anzustecken.
Ich freue mich, dass wir immer mehr werden und freue mich noch mehr, wenn auch du dazugehörst.

2 Kommentare zu: “Warum Nichtstun ein wichtiger Teil deines Lebens ist”

  1. Ein Gleichgesinnter

    So wunderbar erzählt, Sie sprechen uns aus der Seele. Vielen Dank für diese wunderbare Erzählung und herzlichen Glückwunsch zu diesem, Ihrem Leben!

    Wir kennen Vis und andere ähnliche kleine Inseln von unseren Bootstouren und haben dieselben Erfahrungen gemacht wie Sie. Selbst haben wir seit einigen Jahren ein Haus auf einer größeren kroatischen Insel und als nicht ganz pensionierender Pensionär verbringe ich viele Zeit auf dieser herrlichen Insel. Hier ist es etwas größer, lebhafter und irgendwo auf Weg „zwischen Vis und einer Großstadt“, aber doch noch sehr nahe an Vis. Angenehme Ruhe, wenig Verkehr, keine Ampeln, keine Staus, keine Hektik. Nur in den wenigen Wochen der touristischen Hochsaison bringen die Touristen eine Brise „Großstadt“ mit auf die Insel. Sehr viele fühlen sich aber rasch verzaubert und schalten ab.

    Die Natur und das besondere Licht, die vielen Sonnentage, alles ist so wunderschön und pittoresk. Aber noch mehr lieben wir die Menschen und deren Mentalität und Einstellung hier. Es ist alles so, wie Sie es mit so schönen Worten beschreiben. Und wenn man sich integriert, auch sprachlich, wird man selbst mehr und mehr zum Boduli, zum Inselmenschen.

    Es scheint, als wäre hier der Kapitalismus in seiner ausgeprägten Form und mit all seinen negativen Folgeerscheinungen noch nicht angekommen. Die kroatische Seele ist wohl, besonders auf den Inseln, (noch) überwiegend resistent gegen die Verlockungen des sogenannten Wohlstands. Und wir hoffen sehr, dass das noch lange so bleibt. Denn ein Leben mit mehr Freiheiten fühlt sich unvergleichlich schöner, intensiver, emotionaler und lebenswerter an als jenes in den Großstädten unserer Heimatländer.

    Nochmals vielen Dank fürs Teilen Ihrer Erfahrungen und vielleicht möchten Sie mir ein Mail senden. Ich würde mich über einen weiteren Gedankenaustausch freuen.

    • Eva Adelberger

      Lieber Wolfgang, das hast du jetzt aber auch ganz wunderbar beschrieben und ist quasi eine Fortsetzung meiner Schilderung. Ich stimme dir in allem zu. Wir können viel für unser Leben dort auf den Inseln lernen. Wenn du in Kontakt mit mir bleiben möchtest, melde dich doch gerne für meinen Newsletter an. Er kommt ca. 1x im Monat und du kannst mir dann gerne auch per Email dazu schreiben.
      Liebe Grüße – Eva

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