Warum du nicht die Probleme von anderen lösen kannst und musst

Kennst du das auch von dir? Kaum erzählt dir jemand von einem Problem oder etwas, womit er nicht klarkommt, bist du sofort mit einem guten Rat zur Stelle. Es ist fast schon wie ein Reflex, dass wir meinen, den anderen erzählen zu müssen, was sie in ihrer Situation jetzt am besten tun sollen und wir sind oft sehr engagiert dabei, sie von unserer Meinung zu überzeugen. Und wenn sie sich nicht überzeugen lassen – selbst schuld, wenn’s nicht besser wird, sie hätten ja auf uns hören können.

Warum deine Ratschläge nicht wirklich helfen

Warum interessieren uns Schwierigkeiten von anderen so brennend und warum lassen wir uns so gerne in deren Dramen hineinziehen? Ein Grund ist, weil sie uns von unseren eigenen unangenehmen Gefühlen ablenken. Denn meist berühren die Probleme anderer ganz ähnliche Themen in uns selbst, was uns aber oft gar nicht bewusst ist. Unser Verlangen, andere zu verändern, zu verbessern oder zu beruhigen ist also immer auch ein Versuch, unserer eigenen Beunruhigung auszuweichen und sie dadurch selbst nicht fühlen zu müssen.
Dass diese Art von Hilfe meist in die Hose geht, hast du wahrscheinlich selbst schon öfter erfahren. Und du hast dich bestimmt auch schon darüber geärgert, wenn jemand einfach keine Hilfe annehmen wollte oder etwas partout nicht einsehen wollte, was in deinen Augen das absolut richtige gewesen wäre.
Warum funktioniert also die Art, jemandem zu helfen oder ihn zu verbessern, wie wir es meist tun oder gewohnt sind, nicht?
Ganz einfach: Immer wenn du versuchst, etwas am anderen zu verändern, indem du ihm sagst, dass er nicht das richtige tut, vermittelst du ihm, dass er, so wie er ist, nicht in Ordnung ist. Dass du es besser fändest, wenn er anders wäre, sich anders verhalten würde. Möglicherweise vermittelst du ihm sogar, dass du ihn so nicht wertschätzt oder liebst.

Wie kannst du also wahrhaftig helfen? Und zwar dir und dem anderem?

Als erstes: Entspanne dich, atme und komme raus aus dem Drama. Höre dem anderen einfach zu, ohne zu urteilen und ohne den Drang, ihm antworten zu müssen oder ihm sofort Lösungen anzubieten.
Nimm den anderen Menschen urteilsfrei wahr in dem, was er erzählt und tut und lass deinen Wunsch los, ihm jetzt gleich unbedingt helfen zu müssen. Versuche nicht, ihm deine Sichtweise aufzudrängen oder ihm zu sagen, was jetzt das Beste für ihn wäre. Vielleicht weißt du gar nicht, was das Beste ist. Vielleicht stecken in dem anderen mehr Möglichkeiten, Einfallsreichtum oder Kraft, als du dir vorstellen kannst. Und vielleicht ist es jetzt gerade das Beste für ihn, nicht deine Hilfe zu wollen oder zu brauchen! Vielleicht ist es noch nicht soweit, vielleicht muss er noch mehr Erfahrungen machen, muss noch tiefere Erkenntnisse erlangen und vielleicht auch noch mehr schmerzvolle Prozesse durchleben.

Sprich niemandem seine Kompetenz ab

Die größte Hilfe, du du einem anderen schenken kannst, ist deine bewertungsfreie Aufmerksamkeit. Dein natürliches Mitgefühl. Dass du ganz gegenwärtig und offen für ihn bist. Möglicherweise richtet er sich von ganz alleine wieder auf und erkennt die Dinge auf seine ganz eigene Art. Schenke dem anderen deinen tiefen Respekt und vertraue darauf, dass er selbst Lösungen finden wird, die jetzt im Moment noch nicht geboren sind und die ganz ohne deine Einmischung und vielleicht ganz ohne Anstrengungen geschehen werden.

Gerade wir „Therapeuten“ kommen ja gerne so rüber, als wären wir eine allwissende Autorität, der unfehlbare Lehrer oder der geheilte Experte. Doch ich habe in vielen Jahren gelernt, dass ich niemanden heilen kann außer mich selbst. Dass ich, selbst wenn ich in der allerbesten Absicht helfen will, oft in die natürlichen Heilungsprozess des anderen Menschen eingreife. Damit mache ich ihn abhängig von mir und stärke nicht die Tiefe seines Vertrauens in seine ureigene Kraft und seine Fähigkeit, die eigenen Erfahrungen zu machen und sich selbst helfen zu können.

Es geht nicht um Hilfe, sondern um gesehen werden

Lange Zeit trug ich selbst auch ein schweres Lebensproblem mit mir herum. Es schmerzte mich so sehr, dass ich, wenn mich jemand darauf ansprach, weinen musste, wenn ich davon erzählte. Als Reaktion kamen immer dieselben, von Herzen gut gemeinten Ratschläge: „Du musst loslassen“.  „Das wird schon“. „Du hast diesen oder jenen Fehler gemacht“. „Bei mir wars früher auch so und ich habe es einfach verändert und jetzt ist alles super.“ (Das letzte ist übrigens der allertollste Ratschlag, wenn man selbst grad mit dem Kopf vor der Wand steht.) Viele haben sich wirklich bemüht, mich aufzurichten und das habe ich auch gespürt. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass es wirklich bei mir ankam. Bis ein Mensch, den ich noch nicht mal besonders gut kannte, ganz anders reagierte. Er hörte mir zu und nahm mich dann in die Arme. Sehr lange, wortlos. Ließ mich einfach weinen. Und sagte während der ganzen Zeit nur einen einzigen Satz, der mich damals tief berührte. Ich spürte darin sein Mitgefühl und fühlte mich in meinem Schmerz gesehen. Und das tat so gut, das gesehen werden. Mehr brauchte es nicht. Ich werde diesen Satz und diese Begebenheit nie vergessen, denn sie haben mich vieles gelehrt.

Mitfühlen bewirkt mehr als gute Ratschläge

Wahrscheinlich war ich damals für eine andere Art der Hilfe noch gar nicht ansprechbar. Denn oft müssen wir unseren Schmerz und unser Leid noch tiefer und stärker fühlen, bis sich die wahre Quelle der Heilung öffnen kann, bis wir wirklich wieder leben können. Deshalb versuche nie jemandem zu helfen, der noch nicht dafür bereit ist und nicht nach deiner Hilfe und Meinung gefragt hat. Solange du noch nicht im Modus des Zuhörens, einfach nur Empfangens und der mitfühlenden Annahme des Anderen bist, werden deine Bemühungen zu helfen im besten Falle auf unfruchtbaren Boden fallen. Sie können aber auch von dem anderen als Manipulation, Kontrolle oder Überheblichkeit wahrgenommen werden. Vielleicht wird dieser Mensch sich und seine Sichtweise sogar verteidigen und nicht selten verhärten sich dann die Positionen. Und durch die „Retter-Opfer“ Rolle, die ihr dann einnehmt,  entfernt ihr euch noch weiter voneinander.

Wenn du damit aufhörst, andere ändern zu wollen indem du dich dem Leben so hingibst, wie es sich zeigt und indem du offen bist für deine eigenen, oft unbewussten und lange nicht gefühlten Schmerzen und Verletzungen, sind großartige und unerwartete Veränderungen möglich. Ohne dass du mehr dafür tun musst. Wenn du damit aufhörst, andere ändern zu wollen, werden sie sich auf ihre eigene Art verändern, in ihrem eigenen Tempo und Rhythmus.
Indem du die einzigartigen, kreativen und intelligenten Prozesse achtest und ehrst, die wir alle erleben auf unserem Weg hin zu mehr Selbsterkenntnis und Selbstmitgefühl, wird wahre Veränderung möglich. Wenn du annimmst was ist, erlaubst du den Dingen, sich auf ihre Weise zu entfalten.

Problemen mit einer neuen Sichtweise begegnen

Wenn du deinen eigenen Fähigkeiten gerne mehr vertrauen möchtest, wenn du den Mut hast, dich für deine eigenen Themen zu öffnen statt dich mit den Problemen anderer zu beschäftigen, wenn du spürst, dass sich erst in dir selbst etwas verändern darf, bevor du es von anderen erwartest, dann empfehle ich dir sehr mein neues Online-Retreat „Probleme-Fasten“. Es zeigt dir neue und alte Wege auf, dich selbst besser kennenzulernen, tiefer hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen und dir und anderen mit mehr Verständnis, Wahrhaftigkeit, Liebe und Mitgefühl zu begegnen. Und das ist es, was wir uns heute alle so sehr wünschen und was wir jetzt immer mehr in die Welt bringen dürfen.

 

12 Kommentare zu: “Warum du nicht die Probleme von anderen lösen kannst und musst”

  1. Ursula Kuck

    Hallo Eva, dazu fällt mir das Zitat wieder ein“ ungefragter Ratschlag ist mehr Schlag als Rat“ . Die Kunst des Anhörens ist oft gefragt. Wird oft nicht beherzigt. 🤔Doch lohnt es sich, das immer in Erinnerung zu rufen👍. Danke für den erkenntnisreichen Text, liebe Eva😊🎯

  2. Ramona

    Liebe Eva, deine Sichtweise hat mich wirklich sehr nachdenklich gestimmt und ich werde in Zukunft bewusster damit umgehen. Vielen herzlichen Dank!

    • Eva Adelberger

      Das ist toll und wird dir sicher gute neue Erfahrungen bringen, liebe Ramona.
      Love – Eva

  3. Iris

    Liebe Eva, ich habe deinen Text jetzt zum 2. Mal gelesen und mir wird so klar, was ich mit meinem Mutter-Teresa-Syndrom erreicht habe…nicht viel, vor allem habe ich mich selbst vergessen. Ich bin seit einiger Zeit auf einem guten Weg… nicht leicht, aber von einfach hat auch keiner gesprochen…und es geht mir immer besser. Ich freue mich auf den Online-Kurs. Ganz liebe Grüße und bis dahin eine gute Zeit

    • Eva Adelberger

      Klarheit bringt immer neue Erkenntnisse und daraus dürfen Veränderungen wachsen, liebe Iris.So schön, wenn du jetzt wieder mehr auch an dich denkst. Bis bald im Retreat.
      Love – Eva

  4. Sieglinde

    Liebe Eva,
    vielen Dank für deine Worte.
    Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Die Erfahrungen habe ich auch gemacht und es tut so gut, bei sich selbst bleiben zu können und den anderen sein zu lassen.
    Liebe Grüße Sieglinde

    • Eva Adelberger

      So ist es auch für mich, liebe Sieglinde. Es wird soviel leichter. Danke dir.
      Love – Eva

  5. Josef

    Liebe Eva, deine Worte haben mich gerade sehr berührt, du schreibst mir aus der Seele und erinnerst mich an das Wesentliche das ich leider immer wieder vergesse.
    Josef

  6. Hedy

    Genau so ist es! Muss mich gerade auch an der Nase nehmen.
    Vielen Dank für Deine Hinweise. Du machst das einfach sehr toll und liebevoll und ich freue mich schon auf das Retreat. Alles Liebe
    Hedy

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