Vom Überleben zum Leben – und was das Wort „Pomalo“ damit zu tun hat.

Zur Zeit bin ich mal wieder auf „meiner“ Insel Vis in Dalmatien, wo mir der Unterschied zwischen den Lebensformen „Überleben“, so wie ich es in Deutschland oft erfahre und „Einfach Leben“, so wie es hier größtenteils praktiziert wird, immer ganz deutlich bewusst wird.
Obwohl viele Menschen hier auf der Insel in wirtschaftlich und finanziell sehr viel bescheideneren Verhältnissen leben als wir in Deutschland, vergessen sie nicht, es sich – besonders zu Zeiten wie jetzt an Ostern – trotzdem gut gehen zu lassen, zu essen und zu trinken, zu feiern, miteinander Zeit zu haben, zu lachen und zu scherzen. Ich habe es noch nie erlebt, wenn ich bei jemandem unangemeldet vorbeischaue – und das ist hier eher die Regel als die Ausnahme – , dass jemand keine Zeit gehabt hätte. Immer werde ich aufgefordert, mich doch zu setzten, sofort stehen Gläser und etwas zu Essen auf dem Tisch – ganz so, als hätte man nur auf mich gewartet und alles vorbereitet. Noch nie hatte ich das Gefühl, dass ich störe oder ungelegen komme – im Gegenteil. Nichts anderes scheint so wichtig zu sein, dass man sich nicht Zeit für den Besuch nehmen könnte.
Ich erlebe hier selten verdrießliche oder mißmutige Menschen, die nur daran denken, dass der Tag und ihre Arbeitszeit möglichst schnell rumgeht oder die das, was sie tun anstrengend finden. Obwohl es oft anstrengender ist als bei uns.
Hier lebt man viel mehr im Moment, im Augenblick – und auch wenn der gerade nicht so prickelnd ist, nimmt man es mit Gleichmut und Gelassenheit hin.

 

„Pomalo“ heißt das Wort für diese Lebenseinstellung – 

und hinsichtlich dieser Lebenseinstellung habe ich schon viel von den Menschen auf meiner Insel gelernt. Diese Erfahrung ist für mich noch viel wertvoller als das Meer, der Strand und die Sonne hier.
Die Beschreibung des Wortes „Pomalo“ findet man nicht in jedem kroatischen Wörterbuch, denn es ist dalmatinischer Dialekt. „Pomalo“ heißt eigentlich „ein wenig“, aber es meint viel mehr. Es bedeutet, sich zu entspannen, keinen Streß zu machen, keine Hektik, langsam, noch langsamer, sich keine Sorgen machen – es wird schon – POMALO.
Oft wenn man sich in Dalmatien gegenseitig grüßt, hebt man einfach ein wenig die Hand oder bewegt seinen Kopf und sagt „Ein wenig“. Man fordert sich also auf bzw. erinnert sich selbst daran, langsam zu machen, zu genießen, abzuwarten, sich Zeit zu nehmen, innezuhalten, nicht alles so ernst zu nehmen.
Hier braucht (noch) niemand Entspannungskurse oder anstrengendes Auspowern im Fitneß-Studio, um sich runterzufahren. Man fährt einfach gar nicht erst hoch, setzt sich in eines der unzähligen Cafés und nimmt sich Zeit, die Dinge des Lebens zu besprechen. POMALO.

 

Wir brauchen keine Überlebenskünstler zu sein

Ich falle hier auf meiner Insel auch regelmäßig in dieses POMALO-Gefühl. Die Zeit fängt langsam an stillzustehen, alles verlangsamt sich, ich gehe, denke, spreche und esse langsamer, alles darf viel länger dauern, ganz besonders die Begegnungen und Gespräche mit Menschen – aber genauso auch die Arbeit.
Aus meiner Kindheit kenne ich den Spruch „Was du Heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf Morgen“. Es war der Lieblings-Ermahnungs-Satz meiner Mutter an mich. Denn ich war damals, so wie alle Kinder, schon ein POMALO -Typ. Doch meiner Mutter gelang es, dass es mir ein schlechtes Gewissen machte, zu trödeln, etwas aufzuschieben, nicht gewissenhaft genug zu sein, nicht ernsthaft genug oder einfach zu vergesslich zu sein.
Genauso wie ich es in meiner Kindheit gelernt habe, sind viele Menschen zu Überlebenskünstlern geworden und strengen sich fast ununterbrochen an. Alles unter einen Hut kriegen, nichts verpassen, gut koordiniert sein, möglichst schnell und effizient die Dinge durchziehen, die Zähne zusammenbeißen, Augen zu und durch – da wird mir schon beim Aufzählen dieser Überlebensstrategien ganz schwindelig.
Auf meiner dalmatinischen Insel entdecke ich jetzt wieder, dass der Spruch meiner Mutter, der mir immer noch im Kopf rumspukt, eigentlich ganz anders lautet: „Was du Heute nicht kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf Morgen.“ Ich wusste es doch schon immer, dass es so richtig ist, denn hier machen es alle so. Und leben sehr entspannt damit. Und ich lerne, es ohne schlechtes Gewissen genauso zu machen. Denn vor wem sollte ich ein schlechtes Gewissen haben?

 

Leben bedeutet soviel mehr als Überleben

POMALO, dieser entspannte dalmatinische Lifestyle macht das Leben soviel lebenswerter und er ist nicht nur hier im Süden lebbar, auch wenn viele Kommentare zu diesem Artikel bei Facebook ähnlich lauteten wie: „Im Alltag geht das eben nicht –  Das kann man sich nur im Urlaub leisten – Schwer machbar mit Beruf und Kindern – So kann man leben, wenn man in Rente ist“  – usw.
Ich behaupte, es ist eine innere Entscheidung, wie du leben willst. Und ich treffe diese Entscheidung  jeden Tag, auch wenn ich in Deutschland bin und arbeite. Und ich arbeite wirklich viel. Doch es macht einen Unterschied, ständig ein schlechtes Gewissen mit sich rumzutragen weil man wieder etwas nicht geschafft hat oder zu langsam war, oder sich vollkommen entspannt den Gedanken zu erlauben „Morgen ist auch noch ein Tag“. Ich habe das jetzt wirklich schon oft praktiziert, etwas guten Gewissens einfach nicht zu machen, liegenzulassen oder zu verschieben. Das waren oft nur ganz kleine Dinge, die trotzdem viel bewirkt haben. Bis jetzt ist es in jedem Fall gut gegangen und löste sich oft sogar auf viel angenehmere Weise auf als gedacht. Und immer war es ein Schritt vom Überleben hin zum wirklichen Leben, in dem ich mich wieder spüren konnte und Ausatmen konnte. Die Welt ist jedenfalls nie untergegangen und hat sich immer weitergedreht.

In unsren Seminaren auf Vis „Die Reise zu Dir“ geht es auch darum, dich und dein Leben wieder neu zu entdecken und zu spüren, was dich noch davon abhält, es wirklich zu genießen.
Im Juni und September 2019 sind noch einige Plätze frei.
Hier findest du die Infos: https://eva-adelberger.de/seminare/

 

Kellner in einer Bar auf Vis

 

6 Kommentare zu: “Vom Überleben zum Leben – und was das Wort „Pomalo“ damit zu tun hat.”

  1. Christian Winkler

    Hallo Eva, ich habe den Link zu diesem Text hier von einem Freund zugeschickt bekommen, als der erfahren hat, dass ich mein grade gekauftes Boot POMALO nennen werde. Ich lese Deinen Text und mir ist, als hätte ich ihn selbst geschrieben oder zumindest so erzählt. Wenn Du einmal ein Seminar auf einem Boot machen willst könnten wir vermutlich ganz gut zusammenarbeiten 🙂
    Danke also für diesen schönen Text!
    LG Chris

    • Eva Adelberger

      Lieber Christian, das ist ja toll, ein Boot so zu nennen. Ich bin leider nicht so eine begeisterte Bootsfahrerin, aber danke für dein schönes Feedback und viel Freude und Pomalo mit deinem Boot. Wenn du mal auf Vis vorbei kommst, melde dich gerne auf einen Kaffee 🙂

  2. Blacky

    ich verstehe was du meinst liebe Eva , und es ist schön wenn du einen Ort gefunden hast wo Du ganz bei dir sein kannst.
    Ich bin in so einem Ort aufgewachsen , und ich muss dir sagen – für mich als Hochsensibler Mensch war es alles andere als das Paradies – alleine schon die unangemeldeten Besuche – es hat bei mir nichts mit keiner Gastfreundlichkeit zu tun – es ist aber anstrengend.
    Denn du musst genauso ein Gastgeber sein wie andere für dich waren.
    Und und und
    Alles hat seine Vor und Nachteile – die Mischung macht es , und es muss einfach für einen selber passen.
    Persönlich fühl ich mich in Deutschland wo ich wohne viel wohler auch wenn es etwas anonymer ist – ich kann meine Ruheräume hier besser wahren- auch wenn ich nur zu gut weiß was du in deinem Beitrag beschreibst:Hektik des Alltags, trotzdem passt es für mich hier viel besser so wie es ist.
    Was ich damit sagen will – einem jeden sein Element

    • Eva Adelberger

      Liebe/r Blacky
      danke für deine Anmerkungen. Ich bin auch Hochsensibel und weiß auch genau, was du meinst. Ich erlaube mir hier in Kroatien ebenso, meine Ruheräume zu wahren. Aber ich bin hier nicht aufgewachsen und haben keine Kindheit-Verstrickungen hier. Wenn mir ein Besuch ungelegen kommt, sage ich das freundlich und erkläre es und es wurde mir noch nie übelgenommen.
      Schön, dass du dich in Deutschland wohl fühlst. Alles Liebe für dich – Eva

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