Frieden mit deinen Eltern finden – Warum das so wichtig ist

Es ist die wichtigste Aufgabe in deinem Leben, wenn du frei und selbstbestimmt leben willst. Es ist die heimliche Ursache fast all deiner Probleme. Und es ist die am meisten unterschätzte machtvolle Energie, die dein Denken, Handeln und Tun bis heute beeinflusst: Die ungeklärte Verbindung mit den Eltern deiner Kindheit.
Bei den meisten von uns wird die Beziehung zu den Eltern bis ins Erwachsenenalter von mehr oder weniger unangenehmen Gefühlen begleitet. Das reicht von Ablehnung bis zu Hass, von Unverständnis bis zu Schuldvorwürfen, von Gefühlen der Abhängigkeit und Ohnmacht bis zu Verachtung, von Hilflosigkeit bis zu endlosen Machtkämpfen. Nimm für dich selbst mal wahr, welches Gefühl  in dir vorherrscht, wenn du an deine jetzigen Eltern denkst oder an deine Eltern, wie sie in deiner Kindheit waren. Egal, wie diese Gefühle sind – du kannst davon ausgehen, dass darunter noch eine ganze Palette an weiteren Gefühlen vorhanden ist, die dir oft gar nicht mehr bewusst sind und die du schon lange verdrängt hast.
Die Beziehung zu den Eltern unserer Kindheit zu klären ist essentiell für ein Leben, in dem du ganz du selbst sein kannst und eigenbestimmt und mit Freude im Herzen deinen Weg gehen kannst. Es ist das zentrale Thema in jedem meiner Coachings und – egal mit welchem Problem ein Mensch sich an mich wendet – immer die Ursache dessen, womit er sich heute nicht wohlfühlt und worunter er leidet.

 

Wie schwer wir an unserer Kindheit tragen

Letztens habe ich in einem Forum zum Thema „Frieden mit den Eltern machen und Vergebung üben“ viele Meinungen gehört. Dass Frieden oder Versöhnung mit den Eltern nie richtig möglich sei oder sehr schwer zu erreichen wäre, oder wenn doch, dann sehr lange dauern würde und nur mit lebenslanger „Arbeit“ am Thema oder an sich selbst.
Nichts von dem kann ich so bestätigen, weder in meiner eigenen Geschichte noch in meiner Erfahrung als Transformationstherapeutin in weit über 1000 Sitzungen mit meinen Klienten.

Meine Kindheit war ebenso wie bei vielen von uns keine Bilderbuch-Kindheit. Ich bin mit eineinhalb Jahren auf der Flucht von Ostdeutschland von meinen Eltern getrennt worden, lebte später ein halbes Jahr mit ihnen und meiner noch jüngeren Schwester in einem Flüchtlingslager. Bis zu meinem 6. Lebensjahr habe ich 8 mal den Wohnort gewechselt. Mit 12 Jahren erlebte ich einen Missbrauch durch meinem Vater und als ich 16 Jahre alt war, starb meine Mutter an Krebs. Ich war die Älteste von 4 Kindern. Noch bevor ich 18 wurde, schmiss ich mein Abitur, zog von zuhause aus und ging nach Berlin. Das sind die reinen ‚Eckdaten‘ meiner Kindheit und Jugend, und ohne jetzt in Details darauf einzugehen, kannst du dir vielleicht vorstellen, von wieviel Ängsten, seelischen Verletzungen, Wut, Verwirrung und Hilflosigkeit sie ausgefüllt war. Soviel, dass es nicht mehr zum Aushalten war und ich es irgendwann weggepackt habe und in den hinteren Winkeln meines Herzens vergraben habe. Und genauso ist es bei den meisten von uns und du hast es sehr wahrscheinlich ähnlich gemacht.

Ich habe lange schwer und vor allem unbewusst an meiner Kindheit getragen und hatte bis vor 10 Jahren überhaupt keine Ahnung davon, wie sehr meine zum Teil massiven Lebensprobleme von ihr herrührten. Es gab damals noch kaum Bücher darüber und der Begriff  „Inneres Kind“ war noch nicht sehr verbreitet. Erst als ich die ersten Seminare und allem voran eine Transformationswoche bei Robert Betz besuchte, dämmerte es mir langsam und mir wurden die Zusammenhänge klar. Und ich verstand, dass ich ohne den inneren Frieden mit meinen Eltern nie frei sein würde und es mir nie richtig gut gehen würde.

 

Warum es auch ohne anstrengende Arbeit an dir selbst geht

Einem wirklichen, dauerhaften Frieden geht immer ein Friedensprozess voraus, in dem man sich ehrlich und mutig seine Verletzungen eingesteht und spürt und seine Lage klar erkennt. Und so begann ich damals, vorsichtig und noch unsicher meine Gefühle aus der Hinterkammer meines Herzens hervorzuholen. Und nach und nach kamen sie alle ans Licht. Zuerst zeigte sich die Wut, der Hass, die Verachtung und dann die hilflose Trauer. Ich brach den Kontakt zu meinem Vater für 3 Jahre ab. Meine Eltern verstehen oder gar ihnen vergeben war in dieser Phase des Friedensprozesses – denn auch das alles gehörte dazu – erst mal gar nicht angesagt.
Ich höre oft von Klienten, wenn sie am Beginndes Prozesses von den teils dramatischen Vorkommnissen ihrer Kindheit berichten, den geflügelten Satz „Ich weiß ja, meine Eltern konnten nicht anders.“ Mit diesem Satz versuchen wir meist, das Wahrhaben und Spüren der tiefen Verletzungen und Schmerzen, die wir als Kind erlitten haben, zu umgehen und setzten eine Schein-Vergebung davor, die meist noch nicht echt ist und die in dieser Phase eher aus dem Kopf kommt als aus dem Herzen.

Für wirklichen Frieden und Vergebung ist vorher noch etwas anderes wichtig – das tiefe Mitgefühl mit dem Kind in mir und die oft überwältigende Erkenntnis, wie sehr dieses Kind gelitten hat – und wie wir ja auch heute immer noch leiden.
Ich begann damals in vielen Situationen und Ereignissen diese Zusammenhänge zu begreifen und lernte, immer mehr in mir zu bleiben und zu fühlen. Ich lernte dabei, immer mehr meinem Herzen zu folgen und nicht irgendwelchen Konzepten, die sagen, so oder so musst du es jetzt machen, das müsstest du jetzt schon erreicht haben oder so müsste es sich jetzt anfühlen. Deshalb habe ich mich auch nie angestrengt und  hatte keine Mißerfolgsgefühle, es jetzt wieder nicht geschafft zu haben.
Und eines Tages war es plötzlich da, ohne Vorankündigung oder bewusste Vorarbeit: Reines, unverletztes mich geliebt fühlen und mich selbst lieben. In einer Sekunde, in einer Meditation, völlig überraschend. Es war neu und überwältigend. Frieden, Vergebung, tiefes Verständnis für meine Geschichte und die Geschichte meiner Eltern. Auf einmal war es fertig, all die vorherigen Erfahrungen, die ich gemacht hatte, all die Gefühle, die ich gefühlt hatte, die notwendig waren für diesen Friedensprozess. Auf einmal ging es ganz schnell –  Zack und Ruhe. Anscheinend hatte ich den Friedensvertrag innerlich nun unterschrieben.

 

Frieden lässt Herz, Seele und Körper aufatmen

Heute akzeptiere ich meinen Vater, so wie er ist und wie er nicht anders sein kann und liebe ihn als sein Kind. Ich kann sagen, dass ich wirklich Frieden mit ihm gefunden habe und das merke ich daran, dass es nichts mehr gibt, dass mich aufregt, ängstigt oder nervt an ihm. Und dass auch ich mich als geliebte Tochter von Eltern fühle, die ihr Bestes gegeben haben. Das sind für mich nicht nur oft gehörte Sprüche sondern tief gefühlte Erfahrung. Auch mit meinen Klienten erlebe ich es, dass oft schon in den ersten Sitzungen Tränen der Berührung fließen und dass derjenige wirklich spürt, dass wir auf Seelenebene alle in Liebe verbunden sind und dass all das Leid, das wir uns gegenseitig hier zufügen durch die tiefen Verletzungen der kleinen Kinder in uns ausgelöst wird.

Wenn wir diese Verletzungen immer mehr in uns heilen, sind wir keine Bettler mehr, keine Richter und keine Untergebenen, keine Gefangenen und keine Tyrannen, sondern erkennen uns als freie, göttliche Wesen, die einander Wege zur Selbsterkenntnis öffnen können. Ich kann dir versichern, dass diese Wege auch für dich möglich sind und dass sie nicht lang, schwer und anstrengend sein müssen. Ich möchte dir und jedem Mut machen, diesen Weg des Friedens und zu gehen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich schon so vielen Menschen diesen Weg zeigen durfte und bin sehr stolz auf ihren Mut und zutiefst dankbar für ihr Vertrauen.

 

8 Kommentare zu: “Frieden mit deinen Eltern finden – Warum das so wichtig ist”

  1. Heike

    Liebe Eva, ich danke Dir zum wiederholten Male für Deine immer klaren, authentischen Worte, die mit dem Herzen geschrieben sind. In den Seminaren bei Dir auf Vis konnte ich auch dieses Thema in den Frieden bringen, auch hier danke für Deine Begleitung dabei.
    Meine Eltern gehen nun ihren Lebensweg auf die Spitze des Berges, und ich wünsche ihnen von Herzen den schönsten Sonnenuntergang und danach das Aufstrahlen jedes Sterns, jedes guten Gedankens und jeder liebevollen Tat ihres gelebten Lebens – ich wünsche ihnen ein überbordendes Lichtermeer, jede Befreiung von jeder Angst und den zutiefsten Frieden. Ich habe großen Respekt vor ihrem Lebenswerk und weiß, daß wir uns lieben. Denn das ist es, was übrigbleibt nachdem Ego, Angst, Scham, Mißverständnisse und Haß abgefallen sind ( bildlich, als ob man einen Edelstein freihämmert) – es ist Liebe. Es ist, als ob uns nichts mehr passieren könnte.
    Ich danke Dir.
    Alles Liebe und Gute für Dich-
    Heike.

    • Eva Adelberger

      Danke für diese schöne, berührende Schilderung, liebe Heike. Es freut mich so sehr für dich, dass du mit deinen Eltern Frieden finden konntest.
      Alles Liebe und bis bald
      Love – Eva

  2. Surma

    Liebe Eva , ich danke dir aus tiefsten Herzen für diese Worte . Bin gerade auf dem Weg des Friedens und der liebe . Oftmals schmerzt es sehr und ich habe mittlerweile verstanden was es heißt das Gefühl der Annahme und nicht der Verdrängung und die Schmerzen und unangenehmen Gefühle ziehen weiter . Herzliche Grüße Martina

  3. Judith

    Genauso ist es…Danke Eva
    Es tut gut deine klaren wegweisenden Worte zu lesen…mich da zu sehen und zu finden.Wirklich, mein grosses Dankeschön dafür 🙂

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